POTO MITAN Documentary on Haiti – Screening 17.04. in Berlin

•April 10, 2011 • Kommentar verfassen

Poto Mitan
Haitian Women
Pillars of Global Economy

Sonntag, 17.04., 18 Uhr
Regenbogenkino, Kreuzberg, Berlin
Lausitzer Straße 22

U1 Görlitzer Bahnhof

OmeU, 50 min., USA 2009
In Anwesenheit des Regisseurs Mark Schuller
http://potomitan.net/

Anhand der Lebensgeschichten von Marie-Jeanne, Frisline, Hélène, Thérèse und Solange, fünf haitianischen Arbeiterinnen, gibt Poto Mitan der globalen Wirtschaft ein menschliches Gesicht.
Er gewährt einen Einblick in die Mechanismen der Globalisierung, Haitis gegenwärtige Krise und zeigt die Frauen, die dieses System herausfordern. Poto Mitan erzählt von Ausbeutung und Armut ebenso wie von Widerstand und Bewegung.
Die Frauen zeigen, dass trotz der Widrigkeiten, in einem von Armut geprägten Land, kollektives Handeln einen Wandel ermöglichen kann.

Told through the lives of Marie-Jeanne,Frisline,Hélène, Thérèse und Solange five courageous Haitian women workers, Poto Mitan gives the global economy a human face. Each woman’s personal story explains neoliberal globalization, how it is
gendered, and how it impacts Haiti. And while Poto Mitan offers in-depth understanding of Haiti, its focus on women’s subjugation, worker exploitation, poverty, and resistance demonstrates these are global struggle.

These five brave women demonstrate that despite monumental obstacles in a poor country like Haiti, collective action makes change possible.

HAITI Un pays perdu entre l’Europe et les Amériques? Ein vergessenes Land zwischen Europa und den Amerikas? A Forgotten Country Between Europe and the Americas?

•November 22, 2010 • Kommentar verfassen

Haiti-Konferenz am Zentrum für Interamerikanische Studien, Innsbruck

02.-03. Dezember 2010

Viele Jahre war Haiti aus den Schlagzeilen verschwunden, nur sehr rar erwähnt als „failed state“, als „hoffnungsloser Fall“ mitten in einem aufblühenden Kontinent. Doch dann bebte am 12. Jänner dieses Jahres die Erde in Haiti. Plötzlich war das Land in aller Munde, die internationale Gemeinschaft verspricht Hilfe und Solidarität und trat sich am Flughafen von Port-au-Prince fast auf die Füße. Nach dem ersten globalen Aufschrei wurden leise erste Fragen gestellt: Warum ist das politische und wirtschaftliche Leben Haitis so fragil, dass der Wiederaufbau des Landes und des Staates bei Null zu beginnen scheint? Wie verlief die Geschichte Haitis zwischen der Selbstbefreiung aus Sklaverei und Kolonialherrschaft 1804, den Diktaturen von Vater und Sohn Duvalier und der Jahrhunderte dauernden Plünderung seiner Volkswirtschaft?

Wo steht Haiti nun elf Monate nach dem einschneidenden Erlebnis und mit seiner Geschichte? Was bleibt von dem „Kieselstein“, der „in der Sonne glänzt“, jenem „caillou au soleil“, den der haitianische Schriftsteller Dany Laferrière beschwor? Seine Antwort lautet: „Retten wird uns unsere Kultur“.

Das Spektrum der Vorträge reicht von Politik und Geschichte bis zu Fragen der Wirtschaft und der Sozialgeschichte, von Malerei und Musik bis zu Sprache und Literatur, von den kulturellen Initiativen der nordamerikanischen Diaspora bis zu den Einflüssen des Voudou. Mit Gérald Alexis, Hans Christoph Buch, Robert Chaudenson, Martina Kaller-Dietrich, Dany Laferrière, Frantz Voltaire u.a.

 

Programm

Haiti und Bill Clintons mea culpa…

•April 8, 2010 • Kommentar verfassen

… und dieses Mal geht es nicht um persönliche Banalitäten, sondern das ökonomische Überleben eines gesamten Landes. Durch die von seiner Regierungen in den 1990er Jahren erzwungenen neoliberalen Reformen in Haiti wurde einem großen Teil der haitianischen Bauern die Lebens-und Wirtschaftsgrundlage entzogen. Vielen waren diese Zusammenhängen seit längerem bekannt. Auch dass Clinton schon darüber reflektiert hat, ist zu vermuten. Neu ist, dass die fatalen Ergebnisse dieser wirtschaftspolitischen Machenschaften resümiert werden und Clinton persönlich die Schuld dafür auf sich nimmt:

Hier ein Beitrag von Democrazy Now! mit Amy Goodman und Kim Ives.

Auch wenn es ob der Perversion US-amerikanischer Eingriffe in Haiti wohl tut, nachträgliche Selbstkritik zu hören, ist es letztendlich politische Taktik, oder wie Haiti-Experte Ives einschätzt: ein Bluff Clintons, der die Schlüsselworte benutzt, die die Menschen von ihm hören wollen.

New Orleans und Haiti – Wie Vodou die Wunden heilt, die Naturkatastrophen schlugen

•April 3, 2010 • 2 Kommentare
Leipziger Ethnologin forscht zum religiösen Umgang mit Naturereignissen

Wenn die Leipziger Ethnologin Maria Elisabeth Thiele Nachrichten von Wirbelstürmen, Flutwellen oder Erdbeben hört, dann ist sie nicht nur betroffen wie andere Menschen auch. Für sie haben solche erschütternden Ereignisse nicht selten auch wissenschaftliche Aspekte. Sie forscht zum religiösen Umgang mit Naturereignissen.Ihr wissenschaftlicher Mentor ist Prof. Dr. Bernhard Streck, Direktor des Institutes für Ethnologie der Universität Leipzig.

Die Spezialstrecke der Mitarbeiterin des Instituts für Ethnologie der Universität Leipzig sind die afroamerikanischen Kulturen, speziell die Vodou-Religion auf dem amerikanischen Doppelkontinent. „Deshalb hat es mich besonders interessiert, wie die Menschen von New Orleans nach dem Hurrikan Katrina im August 2005 diese verheerende Naturkatastrophe verarbeitet haben. Man hört nach solchen Ereignissen immer viel von (zum Teil nicht erfolgten) Rettungsaktionen, vom Wiederaufbau der Infrastruktur, von wirtschaftlicher Hilfe oder auch von technischen Prognosemöglichkeiten. Aber kaum einer spricht darüber, wie die Opfer selbst das Unfassbare doch irgendwie fassen konnten.“

Deshalb freute sich die junge Forscherin besonders über einen Preis des britischen Leverhulme Trust, der es ihr ermöglichte 2008 selbst nach New Orleans zu gehe. Sie suchte sich eine Unterkunft in einem der ältesten Schwarzen-Viertel der USA, lebte mit denen, die nach Katrina in der Stadt geblieben waren, erlebte deren noch immer andauernde Erstarrung. Bis ein neuer Wirbelsturm – Gustav – in Anmarsch war. Wie ihre Nachbarn musste auch die Ethnologin eilig ihre Sachen packen, wurde evakuiert, hockte im Notquartier. „Aber bei aller Dramatik – ich genoss so etwas wie die Gunst der Stunde. Die Menschen an meiner Seite waren aufgewühlt, die Blockade, die sie drei Jahre schweigen ließ, brach. Die Panik, die Angst, die Erinnerungen von damals kamen wieder an die Oberfläche. Und all die Fragen, die ich hatte, mit denen ich aber vorher niemanden bedrängen wollte, musste ich nicht mehr stellen. Alle redeten.“

Während dieser dramatischen Tage von New Orleans, fanden sich die Antworten auf die Fragen, die Maria Elisabeth Thiele für ihr Forschungsprojekt schon im Auge hatte: Welche Rolle spielen Weissagungen und Schutzrituale? Wie sehen Rituale zur Traumabewältigung aus? Wie reflektierte die spirituelle Kunst Naturkatastrophen? Und: Wie wird ein Naturereignis überhaupt erst zur Naturkatastrophe? „Diese letzte Frage war mir besonders wichtig. Denn eine Flut oder ein Sturm ist ja nicht von vornherein katastrophal, sondern erst, wenn Menschen traumatisiert, psychisch und physisch verletzt werden und mit extremen Verlusten konfrontiert sind. Und in der Regel sind dabei die sozial Schwachen besonders verwundbar. Der Grad der Benachteiligung durch Klasse, Ethnizität, Geschlecht oder Alter bestimmt das Ausmaß der Katastrophe.“

Vor Ort fand die Forscherin beispielsweise die Gelegenheit mit einem „root doctor“ zu sprechen, der ganz nach der magischen Tradition behandelte, Amulette und Zaubertränke anwandt, Einreibungen verteilte, die gegen Naturgewalten schützen sollten. „Aber dieser Mann war nicht ein „Voodoo-Zauberer“ wie aus Hollywood-Streifen. Sein Tun brachte den Menschen Vertrauen, Rückhalt und Mut.“

Nun beschäftigt sich die Leipziger Ethnologin natürlich mit dem erdbebenzerstörten Haiti, das aus religiöser Sicht der afroamerikanischen Kultur von New Orleans ähnelt. Beide Regionen wurden geprägt von den Religionen, die die aus ihrer afrikanischen Heimat in die Plantagen verschleppten Sklaven mitbrachten. „Ich würde gern vergleichen, welche Rolle der Vodou-Glaube in Haiti und bei den Afroamerikanern von New Orleans angesichts von Naturkatastrophen spielt. Darüber hinaus interessieren mich die Hilfsaktionen, die von New Orleanser Vodou-Anhängern für Haiti unternommen werden, denn da gibt es viele Verbindungen. Erstens leben zahlreiche Haitianer in New Orleans, zweitens wurden US-amerikanische Vodou-Priester/innen meist in Haiti initiiert und unterhalten dadurch fortdauernde Bündnisse mit haitianischen Tempeln.“

Die Bedeutung solcher Forschungen liegt allerdings nicht nur darin, dass bisher ungestellte Fragen endlich eine Rolle spielen und beantwortet werden. „Meines Erachtens müssen wir uns wissenschaftlich mit Fragen wie Vorhersagungen und dem rituellen Umgang mit Naturkatastrophen beschäftigen. Indigene, traditionelle kulturelle Techniken zur Prävention und Bewältigung könnten oft erheblich zur Begrenzung der Katastrophe beitragen und sollten nicht ignoriert werden.“

Auch für den Umgang der Religionen miteinander sei, so Maria Elisabeth Thiele, mehr Wissen übereinander und mehr Respekt voreinander nötig. „Es ist doch unglaublich, dass noch im 21. Jahrhundert ein so dramatisches Ereignis wie das Erdbeben von Haiti von einigen evangelikalen Stimmen als die endlich eingetroffene Gottesstrafe für den ‚Pakt mit dem Teufel‘ interpretiert wird, den die Haitianer eingegangen seien, als sie – ermutigt von ihren Vodou-Göttern – gegen die französischen Kolonialherren aufstanden.“ Auch dass in diesen Wochen die Hilfsorganisationen nicht selten auf Seelenfang gehen und die einheimischen Religionen bei dieser Gelegenheit zurückdrängen, dürfe nicht aus den Augen verloren werden. „Da viele Betroffene ihre Papiere beim Erdbeben verloren, nehmen sie jetzt das Angebot an, sich christlich taufen zu lassen. Der Taufschein gilt als Identitätsnachweis, der dringend benötigt wird, und viele Menschen haben Angst, ohne den ‚rechten Glauben‘ von den Hilfeleistungen ausgeschlossen zu werden.“

Wenn die Menschen von Haiti den ganz großen Schreck verarbeitet haben, will Maria Elisabeth Thiele – sofern sie die Finanzierung regeln kann – nach Haiti und auch wieder nach New Orleans reisen und ihre Arbeit komplettieren.

Quelle Universität Leipzig

Bush und die Haitianer – eine Realsatire

•März 26, 2010 • Kommentar verfassen

Der US-Beauftragte für die Koordinierung der Nothilfe in Haiti, Ex-Präsident George Bush jr., zeigte unlängst wieder auf gewohnt schmerzfreie Art sein Verständnis von guten Menschen und besseren Menschen – wobei er sich selbst klar zu letzterer Kategorie zählt, wie aus folgender Situation ersichtlich:

Er schüttelt einem durch die Naturkatastrophe obdachlos gewordenen Haitianer die Hand und muss die durch diesen Kontakt entstandene Kontamination gleich wieder loswerden. Am besten am Hemd seines Kollegen und Amtsvorgängers Bill Clinton.

Zwei Fliegen mit einer Klappe – sowohl den Haitianern als auch Clinton hat er so gezeigt, wo der Hammer hängt…

Haïti Art Naïf – Ausstellung in Denkmalschmiede Höfgen

•März 9, 2010 • Kommentar verfassen

Bertrand - Prozession

Nach den erschütternden Ereignissen in Zusammenhang mit dem Erdbeben in Haiti vom 12. Januar dieses Jahres will diese Sonderausstellung nachhaltig sensibilisieren und ein Zeichen der Hoffnung setzen. Die Studiogalerie zeigt erstmalig Werke von 16 herausragenden haitischen Malern der Gegenwart, darunter Frantz Zephirin (*1968), Henri Robert Brésil (1952–1999) und Seymour Bottex (*1923). Das Konvolut ist Teil der Sammlung des international ausgerichteten Künstlerhauses, die überwiegend aus Schenkungen besteht. In Korrespondenz zur Malerei werden Zeichnungen von Frantz Zéphirin aus dem Besitz von Ina-Maria Greverus vorgestellt. Geschichtliche Umstände und zeitweilige Isolation bereiteten in Haiti den Nährboden für außergewöhnliche künstlerische Entwicklungen, die bereits Picasso und die Surrealisten um André Breton faszinierten.

Alix Dorleus - Zwei Tiger

Die Denkmalschmiede Höfgen hat einen Spendenaufruf gestartet, um einen Kulturaustausch mit Haiti ins Leben zu rufen. Mit dieser Form einer nachhaltigen Kooperationsbeziehung soll gezielt der Wiederaufbau des Centre d’Art in Port-au-Prince unterstützt werden. Diese herausragende Ausbildungs- und Ausstellungsstätte wurde durch das Erdbeben zerstört.
Spendenkonto: Gesellschaft für Landeskultur e.V. (Förderverein der Denkmalschmiede Höfgen)
Kennwort: „Haiti Kulturaustausch“

Deutsche Bank Wurzen, BLZ: 860 700 24, Kontonummer: 228 630 063

Frantz Zephirin - Legende der Carib-Indianer

Ausstellungskatalog:
Mit Grußworten der Sächsischen Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst,
Prof. Sabine von Schorlemer, und des Oberbürgermeisters von Grimma, Matthias Berger,
sowie mit Beiträgen von Dr. Claus Deimel, Prof. Dr. Ina-Maria Greverus, Prof. Gina Athena Ulysse, Ministerialrat a.D. Hans Wallow, Kristina Bahr und Dr. Kurt Uwe Andrich.
96 Seiten, Broschur, 17 x 22 cm, Preis: € 16,–
Denkmalschmiede Höfgen–Edition Wæchterpappel 2010, ISBN 978-3-933629-30-2

vom 07.03.2010 – 05.04.2010

in der Denkmalschmiede Höfgen

// // Teichstraße 11-12
04668 Grimma-Kaditzsch

Öffnungszeiten:
01.04.-31.10.: Di.-So. 10.00–13.00 u. 14.00–17.00 Uhr
Eintritt: 2,- / 1,- €

http://www.hoefgen.de/Ausstellungsprogramm/Info.html

Haiti – a man-made disaster

•März 7, 2010 • Kommentar verfassen

The devastating earthquake of January 12th claimed at least 230 000 lives. A huge part of the building structure of Port-au-Prince is destroyed, more than half a million people are left homeless. The Inter-American Development Bank (IDB) claimed the earthquake to be the most expensive catastrophe in modernity. One, after which nothing will be the same in Haiti – hopefully.

Colonial Exploitation

Haiti was the beginning. The conquering of the New World started in 1492 with the Columbus„discovery“ of the Antilles and therewith the Americas. Within a few decades the Spanish had allbut eradicated the indigenous population, the Taino-Indians. As early as the middle of the 16thcentury slaves from the West African Gold-coast were imported. 1697, with the treaty of Ryswick ,the French took power over the western third of the island Hispaniola. Saint-Domingue, as it wascalled from then on, rose quickly to be the richest colony of France. First of all it was the sugarwhich served best to fill the French treasury. By the end of the 18th century Saint-Domingue wasmore profitable than all 13 North American colonies put together. Two thirds of the sugar distributed all over the world originated from the Caribbean colony. This colonial prosperity was adirect result of the violent oppression of the enslaved population. The exploitation in SaintDomingue was extraordinarily brutal even by colonial standards. The slaves had an anticipated life expectancy of 7  years once they stepped foot on the island. The demand for a labor force was so high that periodically the trans-Atlantic slave trade couldn’t keep up with the delivery of „human
resources“.

The Revolution

Following several failed uprisings the slaves allied in 1791 for a rebellion which would result in thefirst black republic in history. Under the leadership of Toussaint L’Ouverture the slaves achieved hegemony in Saint-Domingue. The newly invented Republic of France tried to bring the islandunder control with a maximum level of military power. Even though the universal human rights claim of the French Revolution was incompatible with the existence of colonies and slavery, France was not willing to apply the revolutionary ideals of liberty, equality and fraternity to it‘s „property“- the slave. The Napoleonic Army failed in the end and Jean-Jaques Dessalines proclaimed theRepublic of Haiti in 1804 – the first black republic in history, the second independent nation in the Americas. Only in Haiti the sublime principles which inspired the other important revolutions of this era, the French and the US-American, were unconditionally applied: the inalienable, natural rights of every human being. Isolation and Forced Reparation
The successful revolution left one third of the population dead and the prosperous plantation system destroyed. The following political and economic isolation of Haiti founded the ongoing misery of
the country. The existence of a nation of freed slaves was a non-tolerable thread to the status quo of the slave-owning states. France, under Charles X, demanded a high price for the political recognition of Haiti: 150 million gold francs (later reduced to 90 million) for the loss of French property, the slaves. In 1825, when Haiti faced bankruptcy as well as the next French invasion, the government agreed to the payment. The Haitians had to pay with money what they already had payed for with their blood. The requested sum took a large part of the state budget of the following decades and was still being paid in 1947, 122 years later. To be able to pay off the reparations Haiti was forced to take out loans from French private banks. So the Haitians were forced into slave labour, reparation payments and last but not least high interest rates. The impossible financial obligations were the beginning of the end for any hope for autonomy. Great Britain recognized the Haitian Republic in 1833, the USA not before they abolished slavery
themselves in 1863.

The US-occupation

Geopolitical interests were the main reason for the US-American intervention in Haiti in 1915. A peasant movement with communistic reputation was challenging the predatory government. The US-marines went in, mainly as a counterweight to the large economic influence of Germany in Haiti. The constitution was modified to enable foreign investment in Haiti. Waste parts of land were expropriated. Alone in the north 50 000 peasants were robbed of their small-holdings. The USA took over the National Bank of Haiti. Meanwhile the American marine-corps fought against the uprisings of the peasants, the cacos, with ultimate violence. By the end of the occupation in 1934 thousands of fatal casualties were to be lamented.

Cleptocracy and Free trade

The dictatorship of the Duvaliers (1957-1986), routinely called the most violent regime in Haitian history, was mostly tolerated by the International Community. In the era of the Cold War the USA preferred a dictator who positioned himself as a bulwark against communism as opposed to a second Castro in the Caribbean. Especially Jean-Claude Duvalier who inherited the presidency for life from his father François, ingratiated himself abroad with opening up the Haitian economy to neo-liberal reforms. The privatization of state property increased, import tariffs were constantly
reduced, sweatshops spread. Haitians produced goods, mostly textiles for international companies like Disney or Levis and were compensated with 11 us cents per hour. The ensuing economic catastrophe led to an ecological one. The forests were cut down. The individual in the rural areas tried to make a living by selling charcoal. Less than 2% of the former forest stand is now left. The ensuing deforestation led to massive soil erosion which withdrew the basis for the existence of a locally based peasant economy, already hit hard by international competition. The consequence was a rural exodus leading to a massiveincrease in slum dwellings like Cité Soleil, Lasaline and Bel Air in Port-au-Prince. The capital doubled in population size in a very short time frame.

In 1986 the majority of Haitians couldn‘t tolerate the oppression and misgovernment by the Duvalier regime any longer. In the course of massive public uprisings Jean-Claude Duvalier was deprived of power. After he plundered the treasury one last time Duvalier left the country in a US-Air force plane. A US-court asserted in 1988 that Duvalier misappropriated 504 million Dollars in public funds. Up to this day 5.1 million Euro are still frozen in Swiss bank accounts. The money that Duvalier procured adds up to 40 % of the horrendous debts of present day Haiti. Cephas Lumina, UN-expert on foreign debts, stressed the illegitimacy of such odious debts and advocated the moratorium of those debts.

The Flood

After Duavlier was forced into exile a noticeable political shift slowly took place. For a long time the will of the small Haitian elite and the military force ruled over the destiny of the Haitian masses. The politics of General Henry Namphy, Duvaliers successor, are best described as „Duvalierism without Duvalier“. The resistance against his measures led to the formation of a grass-roots movement consisting of peasant associations, trade unions and church community groups. Under the leadership of the liberation theologian Jean-Bertrand Aristide this movement formed into „lavalas“. Slowly but persistently the flood, lavalas in Creole, was able to enforce the claim for political participation of the long oppressed Haitian masses. Under Aristides‘ hands, the subaltern united for a collective project for social transformation. It provided a reasonable alternative in a country that has been largely shaped by social inequality. One percent of the elite commands more than half of the property. In 1990 for the first time in Haitian history free elections took place.
Aristide asserted himself against eleven competitors. With a turnout of 80% he got 67% of the votes – a veritable landslide.
His election accounted as the single most important event in recent Haitian history and was welcomed as a promising renewal of Haiti‘s fate after decades of autocratic leadership. Behind the curtain, opponents of Lavalas constantly worked against the elected government. As early as September 1991 a coup d’etat forced Aristide into exile. In 1994 he was reinstalled by the „upholding democracy operation“ of the US-government under President Clinton. Aristide had to meet heavy compromises: complete amnesty for the leaders of the coup and the years in exile had to be counted for years in office. Furthermore he had to make concessions to the International Monetary Fund (IMF). The import tariff on rice was reduced from 50% to 3%. Before that Haiti was able to cover it’s domestic demands and was almost self-sufficient in this respect. Afterwards US-companies took control over the rice market. The rice supply deterioration which resulted left
more than 40 000 peasants without any income. Today two thirds of rice is imported. After Aristide stepped back from power in 1995 his Lavalas companion René Préval was elected. In 2000 Aristide ran for office again and regained the vast majority of the votes. The result of these elections which was claimed to be a „big success“ by international polling monitors was annulled by the opposition. In reaction, the USA blocked loans that were already approved by the Inter-
American Development Bank (IDB). Also, after the eight controversial seats in parliament were removed, nothing changed. The loans that were an indispensable part of the economic recovery of Haiti weren‘t warranted at all throughout Aristide’s tenure and disabled Aristide’s ability to lead his country from „misery to poverty with dignity“.
The money that flowed into Haiti was mainly given to the political opposition and affiliated NGOs. Through a large number of activities, whose primary goal was the political destabilization of the government, Aristide was largely left incapable of ruling his country. The government stagnated and over a long time was unable to deal with the social projects whose promise put it into power. Accusations of human rights abuses ensued. The international perception of Aristide changed from the „moral authority“ similar to Nelson Mandela to a „tyrannic autocrat“. This atmosphere made a
new coup d’etat easy to accomplish. In February 2004 paramilitary forces backed by the USA, France and Canada, deprived Aristide from power and put him into exile in South Africa where he remains up to this day. Gerald Latorture, economic expert and former UN-employee, was implemented as interim president.

The International Community

After US-troops left the country in June 2004 the United Nations Stabilization Mission in Haiti (MINUSTAH) was implemented to secure public safety in post-coup Haiti. In the course of it’s mandate MINUSTAH got involved in several scandals which included civil casualties. The UN is regarded by a vast part of the Haitian population as an occupying force, willing to execute the demands of an oligarchical elite e.g. hunting down Lavalas supporters. But the critics don’t come solely from the outside. Even within MINUSTAH there have been frictions. The first military commander of  MINUSTAH, the Brazilian General Augusto Pereira Ribero asked to be released from duty. He was worried about potential prosecution for crimes against civilians that occurred under his command. He repeatedly complained about the pressure from the international community and the Haitian elite to use violence against civilians. His successor Urano
Teixeira da Mata Bacelar suddenly committed suicide after refusing to „cleanse Cité Soleil“, the biggest slum of Port-au-Prince and host to many Aristide supporters. Democratic elections were postponed for more than two years due to the unstable security situation. In 2006 René Préval was elected president for a second time and ever since tries to govern the „pearl of the Caribbean“ under unimproved conditions.

A Curse?

The French president Sarkozy regarded the donors conference of the friends of Haiti last month as the chance „to free the country from the curse that seemed to weigh on the country for centuries“. By this he transfigures the history of his own country as well as the history of Haiti. The miserable situation Haiti is stuck in is a direct consequence of the most violent system of colonial exploitation, ongoing neoliberal intervention and cleptocratic misgovernment. 2003, in the forefront of the bicentennial of the Haitian Republic, Aristide demanded a payback of the reparations paid to France which on a present day scale sum up to 21 billion US dollars. France called the claim „aggressive propaganda“ but nevertheless implemented a commission to check the demand. It concluded that the claim was unjustified. Haiti’s demands are based on the argument of illegitimacy because the young republic was faced with the thread of re-enslavement and forced
with military violence into accepting the reparations. The judicial foundation was the fact, that the French parliament proclaimed slavery to be a crime against humanity in 2001. Legal proceedings were initiated but it never came to trial: Aristide was overthrown. The coup d’etat was backed up by France.

The Chance

The earthquake made the disastrous situation of Haiti visible to the International Community. It is the task now to accept this legacy of history and correct committed injustice. That means the consequent continuation of the debt relief of the IDB, the IMF and other creditors that started in 2009 without counting it up with recent disaster relief. The illegitimacy of the reparations have to be judicially asserted and the French state has to be called to account.
Only this way can Haiti build up a stable economy and turn from a low-wage labor paradise into a country of extensive political and economic self-determination.

Andrea Steinke

Haiti oder wie man Katastrophen macht

•März 6, 2010 • Kommentar verfassen

Mindestens 230 000 Todesopfer forderte das Erdbeben vom 12. Januar in Haiti. Ein großer Teil der Bausubstanz von Port-au-Prince ist zerstört, mehr als eine Million Menschen sind obdachlos. Die Interamerikanische Entwicklungsbank bezeichnet das Erdbeben als teuerste Katastrophe der Moderne. Eine, nach der in Haiti nichts mehr so sein wird, wie es war – hoffentlich.

Koloniale Ausbeutung

Haiti war der Anfang. Die Erschließung der Neuen Welt begann 1492 mit der „Entdeckung“ der Antillen und damit Amerikas durch Christopher Kolumbus. Innerhalb weniger Jahrzehnte rotteten die Spanier die ansässige indigene Bevölkerung aus. Schon ab Mitte des 16. Jahrhunderts wurden Sklaven aus Westafrika importiert. 1697 übernahmen die Franzosen den westlichen Teil der Insel Hispaniola. Saint-Domingue, wie er nun hieß, entwickelte sich schnell zur reichsten Kolonie Frankreichs. Vor allem der Zucker war es, der dazu diente die französische Staatskasse reich zu füllen. Ende des 18. Jahrhunderts war Saint-Domingue profitabler als alle 13 nordamerikanischen Kolonien zusammen. Dreiviertel des weltweit vertriebenen Zuckers kamen aus der Karibikkolonie. All der wirtschaftliche Reichtum wurde auf dem Rücken der versklavten Bevölkerung aufgebaut. Selbst für koloniale Maßstäbe war die Ausbeutung in Saint-Domingue außerordentlich brutal. Die Sklaven starben so schnell, dass der transatlantische Sklavenhandel zeitweise nicht mit der Lieferung neuer „menschlicher Ressourcen“ folgen konnte.

Zuckerplantage in Haiti

Die Revolution

Nach mehreren gescheiterten Aufständen schlossen sich 1791 Sklaven zu einer Rebellion zusammen. Unter der Führung von Toussaint L’Ouverture errungen sie die Vorherrschaft in Saint-Domingue. Die neuerfundene Republik Frankreich versuchte die Insel unter Auferbietung all ihrer militärischen Stärke wieder unter ihre Kontrolle zu bringen. Obwohl der in der französischen Revolution proklamierte universelle Anspruch der Menschenrechte mit der Existenz von Kolonien nicht vereinbar war, sah sich Frankreich nicht gewillt, die revolutionären Ideale von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit auf „ihre“ afrikanischen Sklaven anzuwenden. Die napoleonische Armee scheiterte und Jean-Jaques Dessalines rief 1804 die Republik Haiti aus – die erste Republik, die je aus einem von afrikanischen Sklaven geführten Unabhängigkeitskrieg hervorging. Nur hier kam es zu einer bedingungslosen Übertragung des Prinzips, das die anderen entscheidenden Revolutionen dieser Epoche, die französische und die US-amerikanische, beflügelte: das unveräußerliche freiheitliche Recht aller Menschen.

Die Haitianische Revolution

Isolation und erzwungene Reparationen

Nach der Revolution war das wirtschaftlich einträgliche Plantagensystem zerstört und ein Drittel der Bevölkerung tot. Mit der auf die Republikgründung folgenden Isolation Haitis wurde ein Grundstein für seine wirtschaftliche Misere gelegt.
Die Existenz einer Nation ehemaliger Sklaven war eine nicht zu tolerierende Bedrohung für den status quo der sklavenhaltenden Staaten. Frankreich unter Charles X. verlangte für die Anerkennung Haitis einen hohen Preis: 150 Millionen Gold Franc (später auf 90 Millionen reduziert), für das durch die Revolution verlorene französische Eigentum, die Sklaven.1825, als Haiti kurz vor dem Staatsbankrott stand und eine erneute französische Invasion zu befürchten war, willigte man in die Zahlungen ein. Die Haitianer mussten so mit Geld bezahlen, was sie schon zuvor mit ihrem Blut gezahlt hatten, wie der französische Abolitionist Victor Schœlcher bald feststellte. Die Zahlungen beanspruchten einen Großteil des Staatsetats und wurden bis 1947, 122 Jahre lang also, geleistet. Um die Reparationen überhaupt zahlen zu können, war Haiti gezwungen Kredite bei französischen Privatbanken aufzunehmen. Zu der geleisteten Sklavenarbeit und den Reparationen kamen nun auch noch hohe Zinsen hinzu.
1833 erkannte Großbritannien Haiti an, die USA folgten erst 1862, nachdem sie selbst die Sklaverei abgeschafft hatten.

Die Besatzung

Die von den Marines zur Abschreckung ausgestellte Leiche des Guerillaführers Charlemagne Péralte

1915 besetzten die USA Haiti als Reaktion auf den weitreichenden wirtschaftlichen Einfluss der Deutschen. Die haitianische Verfassung wurde geändert, so dass nun auch Ausländer Besitzungen erwerben konnten. Dazu wurden ganze Landstriche enteignet. Allein im Norden wurden 50 000 Bauern ihrer bescheidenen Ackerflächen beraubt. Die USA übernahmen außerdem die Kontrolle über die Nationalbank von Haiti. Währenddessen bekämpften die amerikanischen Marinekorps den aufkeimenden Aufstand der haitianischen Bauern, der cacos, mit unerbitterter Härte. Einer der Führer des Aufstandes, Charlemagne Péralte, rief 1917 eine provisorische Regierung im Norden Haitis aus. Die Geschichte Haitis wiederholte sich allerdings einmal mehr: Peralté wurde von einem seiner Offiziere an die USA verraten. Er wurde ermordert und seine Leiche als Warnung an seine Gefolgsleute ausgestellt. Das Gegenteil wurde erreicht: Die Tatsache, dass sein Mord bildlich einer Kreuzigung ähnelte und er 33-jährig starb, führte zu Christus und Erlöservergleichen. Peralté wurde so zum Märtyrer. Tausende Todesopfer waren zu beklagen, bis die Marines 1934 das Land verließen.

Kleptokratie und Freihandel

Die Diktatur der Duvaliers (1957-1986), oft als brutalstes Regime in haitianischer Geschichte bezeichnet, wurde bis zuletzt von weiten Teilen der internationalen Gemeinschaft geduldet. Den USA beispielsweise war ein Diktator, der sich in Zeiten des Kalten Krieges als Kämpfer gegen den Kommunismus positionierte, lieber als ein zweiter Castro vor der Haustür.

"Papa Doc" François Duvalier und "Baby Doc" Jean-Claude Duvalier

Besonders Jean-Claude Duvalier, der das Amt des Präsidenten auf Lebenszeit nach dem Tod seines Vaters François erbte, machte sich im Ausland beliebt, indem er Haiti für neoliberale Reformen öffnete. Die Privatisierung staatlichen Eigentums nahm zu, Importzölle wurden beständig reduziert. Im Ergebnis überschwemmten importierte Waren das Land, die lokalen Bauern konnte nicht mithalten. Die Weichen für den internationalen Freihandel wurden gelegt, Sweatshops breiteten sich aus. Haitianer produzierten für Firmen wie Disney und K-Mart und wurden mit 11 US Cent pro Stunde entlohnt.

Einer der zahlreichen Textil-Sweatshops in Haiti

Die wirtschaftliche Katastrophe führte zu einer ökologischen. Die Wälder wurden abgeholzt und der Einzelne versuchte sich durch den Verkauf von Holzkohle über Wasser zu halten. Vom einstigen Wald in Haiti sind heute noch 2% übrig. Die Entwaldung wiederum führte zu Bodenerosionen.

Zusammen mit der internationalen Konkurrenz wurde dadurch der lokalen Landwirtschaft die Basis entzogen. Dies führte zu einer Landflucht, in deren Folge die Hauptstadt Port-au-Prince um mehr als das Doppelte anwuchs. Cité Soleil, Lasaline, Bel Air und andere Slums sind die Folge dieser Entwicklung.
1986 konnte die haitianische Bevölkerung die Misswirtschaft und Unterdrückung des Duvalierregimes nicht länger hinnehmen. Es kam zu massenhaften Aufständen, in deren Verlauf Duvalier entmachtet wurde. Er verließ in einer US-Air Force Maschine das Land, nachdem er vorausschauend ein letztes Mal die Staatskasse geplündert hatte. Ein US-Gericht stellte 1988 fest, dass Duvalier 504 Millionen US Dollar an öffentlichen Geldern veruntreut hatte. Davon sind noch heute 5,1 Millionen Euro auf Schweizer Bankkonten eingefroren. Das von Duvalier veruntreute Geld trägt zu 40% zum horrenden Schuldenberg Haitis bei. Cephas Lumina, UN-Experte für Außenverschuldung, hat die Unrechtmäßigkeit solcher „odious debts“ betont und drängt auf deren Nullierung.

Die Flut

Nachdem Duvalier aus dem Land vertrieben wurde, kam es zu einer politischen Wende. Seit langem herrschten die Interessen einer kleinen Elite und konservativ-militärischer Kräfte über das Schicksal der breiten haitianischen Massen. Nach Duvalier regierte der Militärgeneral Henry Namphy das Land.

Aus dem Widerstand gegen den von Namphy und seinen Nachfolgern betriebenen Duvalierismus ohne Duvalier entwickelte sich eine Graswurzelbewegung aus Bauernvereinen, Handelsunionen, und kirchlichen Gemeindegruppen, die das politische Klima Haitis bis heute prägt.

Jean Bertrand Aristide bei einer Predigt in der Saint Jean Bosco Kirche in Petionville, Haiti, September 1988

Unter Führung des Befreiungstheologen Jean Bertrand Aristide wurde sie zur Lavalasbewegung. Langsam aber beständig konnte die „Flut“, wie man Lavalas aus dem Kreolischen übersetzt, den politischen Partizipationsanspruch der bis dahin unterdrückten haitianischen Bevölkerung durchsetzen. Folgt man dem kanadischen Philosophen Peter Hallward, so vereinten sich unter Aristides Hand die politisch Sprachlosen in einem kollektiven Projekt sozialer Transformation. Es bot eine Alternative in einem Land, das wie kein zweites in Lateinamerika von sozialer Ungleichheit geprägt ist. 1% der Elite verfügt über mehr als die Hälfte des Eigentums. 1990, bei den ersten freien Wahlen Haitis, setzte sich Aristide bei einer Wahlbeteiligung von 80 % mit 67% der Stimmen gegen 11 Kandidaten durch.
Seine Wahl gilt heute als das wichtigste Ereignis moderner haitianischer Geschichte und wurde international als hoffnungsvoller Neubeginn nach jahrzehntelanger autokratischer Herrschaft begrüßt. Hinter der politischen Kulisse arbeiteten Lavalasgegner jedoch fortwährend gegen die gewählte Regierung. Schon im September 1991 kam es zu einem Staatsstreich, in dessen Verlauf Aristide das Land verlassen musste. 1994 wurde er von Bill Clinton wieder eingesetzt, allerdings unter diversen Vorgaben: komplette Amnestie für die Drahtzieher des Putsches und Anrechnung der Jahre im Exil auf Aristides Amtszeit. Außerdem musste er dem Internationalen Währungsfond weitreichende Zugeständnisse machen. Der Importzoll auf Reis wurde von 50% auf 3% gesenkt. Zuvor deckte Haiti seinen Bedarf zu 4/5 aus eigenem Anbau. Bald kontrollierten US-Firmen den Markt. Der daraus resultierende Preisverfall machte 40 000 Bauern arbeitslos. Heute wird 2/3 des Reisbedarfs importiert.
Nachdem Aristide 1995 – wie von den USA – vorgegeben abtrat, wurde sein Weggefährte René Préval zum Präsidenten gewählt. Bei der Wahl im Jahre 2000 kandidierte Aristide ein zweites Mal und erlang wiederholt die Mehrheit. Die Ergebnisse der Abstimmung, die von internationalen Wahlbeobachtern als „großer Erfolg“ beschrieben wurde, wurden von der Opposition für ungültig erklärt. Als Reaktion darauf blockierten die USA bereits genehmigte Kredite der Interamerikanischen Entwicklungsbank. Auch nachdem die acht umstrittenen Sitze im Parlament freigegeben wurden, änderte sich nichts. Die für die wirtschaftliche Gesundung des Landes unabdingbaren Kredite wurden während Aristides gesamter Amtszeit nicht gewährt, so dass es ihm unmöglich war, sein Land von der „Misere in eine würdevolle Armut“ zu führen.
Das internationale Geld, das während dieser Zeit nach Haiti floss, kam zu einem großen Teil der politischen Opposition zu gute. Durch eine Vielzahl auf politische Destabilisierung zielende Aktionen war die Aristide infolge mehr schlecht als recht in der Lage das Land zu führen. Die Regierung stagnierte und war über einen langen Zeitraum unfähig, sich mit den sozialen Projekten zu beschäftigen, deren Versprechen sie ins Amt gehoben hatte. Vorwürfe der Menschenrechtsverletzung kamen hinzu. In der internationalen Wahrnehmung war aus der mit Nelson Mandela verglichenen „moralischen Autorität“ von einst ein „tyrannischer Autokrat“ geworden. In dieser Atmosphäre kam es 2004 zu einem erneuten Staatsstreich durch Paramilitärs. Dieses Mal war er offiziell getragen von den USA, Frankreich und Kanada. Aristide wurde im Februar 2004 nach eigener Aussage von US-Militärs zwangsexiliert. Gerald Latorture, Wirtschaftsexperte und ehemaliger UN-Mitarbeiter, wurde als Interimspräsident eingesetzt.

Die internationale Gemeinschaft

Nachdem die US-Truppen, die nach dem Putsch für Sicherheit sorgen wollten, abgezogen waren, wurde im Juni 2004 die UN-Mission MINUSTAH implementiert und hatte die selbe Aufgabe.
Im Verlauf ihres Mandats war sie mehrfach in Skandale um zivile Opfer verwickelt. Die UN wird von einem nicht zu unterschätzenden Teil der haitianischen Bevölkerung als Besatzer empfunden, der den Willen der oligarchischen Elite ausführe und Lavalasanhänger verfolge. Die Kritik an der UN-Mission kommt dabei keineswegs nur von außen, sondern ist auch in UN-Kreisen ein Thema.

MINUSTAH Operation in Cité Soleil

Der erste militärische Kommandant der  MINUSTAH, der brasilianische General Augusto Pereira bat nach einem Jahr um seine Amtsauslösung. Er wollte verhindern, im Nachhinein für Verbrechen an der Zivilbevölkerung belangt zu werden, die unter seinem Kommando und auf Druck der „revolutionären” Kräfte geschahen. Sein Nachfolger Urano Bacellar beging im Januar 2006 überraschend Selbstmord, nachdem er sich gegen die von ihm abverlangte „Reinigung von Cité Soleil”, dem größten Slum Port-au-Princes und Hochburg von Aristideanhängern, gewehrt hatte.
Demokratische Wahlen wurden zwei Jahre lang mit dem Verweis auf die instabile Sicherheitslage verschoben. 2006 wurde René Préval ein weiteres Mal zum Präsidenten gewählt und versucht seitdem unter unverändert schlechten Bedingungen die „Perle der Karibik“ zu regieren.

Ein Fluch?

Der französische Staatspräsident Sarkozy sah die Geberkonferenz der Freunde von Haiti nach dem Erdbeben als die Chance, „das Land von dem Fluch zu befreien, der seit Jahrhunderten auf ihm zu lasten scheint“. Er verklärt so die Geschichte seines eigenen Landes und die Haitis. Die elende Situation Haitis aber ist eine direkte Folge eines brutalen Systems kolonialer Ausbeutung, fortwährender neoliberaler Eingriffe und kleptokratischer Misswirtschaft.
2003, im Vorfeld des zweihundertjährigen Jubiläums der Republik, forderte Aristide von Frankreich die Rückzahlung der auf heutige Maßstäbe übertragenen 21 Milliarden US Dollar Reparationen. Frankreich bezeichnete die Forderungen als „aggressive Propaganda“, richtete aber dennoch eine Prüfkommission ein. Diese kam zu dem Schluss, dass der Anspruch nicht gerechtfertigt sei. Haitis Forderung stütze auf dem Argument der Unrechtmäßigkeit, da die junge Republik, der Gefahr der wiederholten Versklavung ausgesetzt, unter Militärgewalt zur Zahlung gezwungen wurde. Die juristische Grundlage der Forderung war die Tatsache, dass das französische Parlament 2001 Sklaverei zum Verbrechen gegen die Menschlichkeit erklärt hatte. Gerichtliche Schritte wurden eingeleitet, es kam jedoch nie zu einer Verhandlung: Aristide wurde vorher gestürzt. Der Coup d’Etat wurde von Frankreich mitgetragen.

Die Chance

Durch das Erdbeben ist die desaströse Lage Haitis der internationalen Gemeinschaft unausweichlich vor Augen geführt worden. An ihr ist es nun, das Erbe der Geschichte anzunehmen und begangene Fehler zu korrigieren. Das bedeutet eine konsequente Fortführung der 2009 begonnenen Teilentschuldung Haitis durch die Interamerikanische Entwicklungsbank, den Internationalen Währungsfond und anderer Gläubiger, ohne mit jetzt geleisteter Katastrophenhilfe aufzurechnen. Die Rechtswidrigkeit der gezahlten Reparationen muss gerichtlich festgestellt und der französische Staat in die Pflicht genommen werden.
Nur so wird Haiti in der Lage sein, eine stabile Wirtschaft aufzubauen und sich von einem „Billiglohnparadies“ in ein Land weitgehender politischer und wirtschaftlicher Selbstbestimmung zu wandeln.

Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein – Evangelikale steinigen Vodouanhänger

•März 3, 2010 • Kommentar verfassen

…und es hagelte Steine. Von vermeintlich Rechtgläubigen auf die Diener Satans. Am 23. Februar wurde eine Vodouzeremonie in Cité Soleil, Port-au-Prince von aufgebrachten Evangelikalen angegriffen. Sie beschuldigten den Vodou im Allgemeinen an dem Erdbeben Schuld zu tragen. Etwa hundert Menschen warfen Steine auf die Vodouissants, zerstörten den Altar, religiöse Insignien und die Opfergaben für die loa, pinkelten auf das Vévé, das Symbol des loa. Die Polizei stand unbeteilgt am Rande und beobachtete das Geschehen.

Der neuerliche Ausbruch ist symptomatisch für den heiligen Krieg, den evanglikale Gruppen schon vor langer Zeit gegen den Vodou ausgerufen haben. Durch das Erdbeben wurden die Spannungen verstärkt. Die Aggression nimmt zu, der Respekt nimmt ab.

Haiti und der „verfluchte Vodou“

•Februar 11, 2010 • Kommentar verfassen

Das schwere Erdbeben in Haiti vom 12. Januar hat unter anderem auch zur Folge, dass sich eine Vielzahl von Journalisten mit dem haitianischen Vodou auseinandersetzt. Meist geschieht das in einer oberflächlichen und unreflektierten Art und Weise. Vodou wird mal als „obskurantische“ Staatsreligion, dann wieder als „blutiger“ Untergrundkult beschrieben. Evolutionistische Argumente der Verwurzelung im „Afrikanischen“ mengen sich mit religiös-fundamentalistischen vom „Pakt mit dem Teufel“. Wenn im Zuge des Erdbebens über Haitis desaströse wirtschaftliche Lage und die Religion berichtet wird, dann meist in negativen Zusammenhängen. Einige Autoren gehen sogar soweit, den Vodou als eigentlichen Sündenbock für das Elend des Karibikstaates verantwortlich zu machen. Leider haben sich die wenigsten Kommentatoren die Mühe gemacht, sich differenziert mit der afroamerikanischen Religion auseinanderzusetzen und reproduzieren ein ums andere Mal Klischeevorstellungen.

Vodou wurde im Verlauf haitianischer Geschichte vielfach diskriminiert und verfolgt, aber auch politisch instrumentalisiert. Akteure in diesem Ringen sind die Kolonialmächte, die katholische Kirche, verschiedene Staatsoberhäupter, Besatzungsmächte und gerade heute neuevangelikale Gruppen.

Historische Darstellung der Landung von Kolumbus auf Hispaniola. Bild: Public Domain.Vodou hat den westlichen Teil der Insel Hispaniola seit der „Entdeckung“ durch Christopher Kolumbus 1492 und der wenig später darauf folgenden Versklavung westafrikanischer Bevölkerung entscheidend geprägt. Schätzungen besagen, dass jährlich ca. 50.000 Sklaven zur Arbeit auf den kolonialen Plantagen verschleppt wurden. Die Behandlung der Sklaven auf Saint-Domingue, wie das heutige Haiti seit der Übernahme durch die Franzosen 1697 genannt wurde, war selbst für koloniale Verhältnisse außerordentlich brutal. Schnell entwickelte sich Saint-Domingue zum reichsten kolonialen Besitz Frankreichs. Ende des 18. Jahrhunderts wurden drei Viertel des weltweit vertriebenen Zuckers aus der „Perle der Karibik“ exportiert. Dieser Reichtum wurde auf dem Rücken der Sklaven erwirtschaftet. Beständig mussten neue „menschliche Ressourcen“ auf die Insel gebracht werden. So gelangten auch afrikanische religiöse Vorstellungen nach Saint-Domingue. Die Erfahrung der Entwurzelung und der Versklavung hatten ebenso Einfluss auf die Genese des haitianischen Vodou wie die christlich dominante Kultur. Eine Vielzahl heterogener Gruppen wurden Opfer des transatlantischen Sklavenhandels. Der Großteil gehörte zu den Ethnien der Fon, der Bakongo  und der Yoruba. Der Begriff „Vodou“ leitet sich von „Vodu“ ab. In der Fonsprache ist dies die Bezeichnung für ein göttliches Wesen bzw. dessen religiöse Verehrung. Die populäre Schreibweise „Voodoo“ festigte sich während der Zeit der US-amerikanischen Besatzung Haitis (1915-34) und verbreitete sich mitsamt klischeehaften Vorstellungen von Zombies, „Voodoopuppen“ und blutigen Opferritualen in der ganzen Welt.

Die Kolonialmächte Spanien und Frankreich begegneten dem Vodou von Anfang an mit Misstrauen. Sie versuchten die nächtlichen religiösen Zusammenkünfte der Sklaven durch drakonische Strafen zu unterbinden. Zu groß war die Gefahr, dass durch diese auch der Widerstand gegen das Kolonialregime zusammengeführt werden würde. Der 1685 von Louis XIV erlassene Code Noir sollte den Umgang mit Sklaven in den französischen Kolonien regeln. Demzufolge mussten alle Sklaven getauft werden. Alle Religionen mit Ausnahme des römisch-katholischen Christentums wurden verboten. Zwangstaufen und Christianisierung wurden von den Plantagenbesitzern auf Saint-Domingue jedoch nur halbherzig durchgeführt, da die Unzivilisiertheit und damit Unmenschlichkeit der Afrikaner die rhetorische Rechtfertigung für ihre wirtschaftliche Ausbeutung waren. Da viele Sklaven aufgrund der brutalen Behandlung nicht lange überlebten, war eine massenhafte stete Neueinfuhr von Afrikanern notwendig. Das führte auch dazu, dass sich der christliche Glauben lange Zeit nicht festigen konnte. Mit jeder Schiffsladung an Sklaven wurde die Verbindung zu afrikanischen Religionsvorstellungen erneuert und gestärkt. Zum Zeitpunkt der Revolution waren noch drei Viertel aller Sklaven in Afrika geboren. Und tatsächlich war der Vodou eine integrative Kraft, ein Motor der Rebellion. Die heute mythologisierte Zeremonie von Bois Caïman (1791) gilt als der Beginn des ersten erfolgreichen Sklavenaufstandes, der 13 Jahre später zur Gründung der Republik Haiti führte. Im Krokodilwald bat der Vodoupriester Boukman um die Unterstützung der loa, der Götter und Geistwesen, im Kampf gegen die Unterdrücker. Für Pat Robertson, einen US-amerikanischen Evangelikalen, ist genau dieser “Pakt mit dem Teufel” der Grund für das verheerende Erdbeben vom 12. Januar diesen Jahres.

Jean-Jaques Dessalines. Bild: Public Domain.Allerdings kam und kommt die Kritik und Diskriminierung des Vodou nicht allein von außen. Revolutionsführer Toussaint L’Ouverture und Jean-Jaques Dessalines standen in einem eher als ambivalent zu bezeichnenden Verhältnis zum Vodou. L’Ouverture, dem ein weißes Herz unter schwarzer Haut nachgesagt wird, war ein vehementer Verfechter christlichen Glaubens und lehnte den Vodou ab. Dessalines hingegen wird als “authentischer Schwarzer” beschrieben, der nicht wie L’Ouverture mit französischer Kultur liebäugelte, Analphabet war und kein Französisch sprach. Die historischen Beschreibungen seines Verhältnisses zum Vodou gehen weit auseinander. In einigen Quellen wird er als Diener Oguns, des loa des Krieges, beschrieben. Andere Aufzeichnungen decken die von ihm vollführte Verfolgung des Vodou auf. In heutiger haitianischer Geschichtsschreibung gilt er als Revolutionsheld schlechthin, der die Nation mit Blut und Schwert einigte. Die Nationalhymne trägt den Namen des “schwarzen Robespierre”. Im Pantheon des Vodou-Petroritus, der sich stärker aus der Erfahrung der brutalen Sklaverei entwickelte als der gemäßigtere Radaritus, findet sich heute der loa Dessalines.

Die römisch-katholische Kirche verließ Haiti nach der Ausrufung der Republik 1804. Das Schisma währte fast 60 Jahre und begünstigte die Festigung des Vodou in Haiti. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war Haiti weitestgehend von äußeren Einflüssen isoliert. Neben der katholischen Kirche verwehrten auch die USA und alle entscheidenden europäischen Mächte Haiti die Anerkennung. Die bloße Existenz einer freien Republik ehemaliger Sklaven war eine nicht zu tolerierende Bedrohung für den Status quo der sklavenhaltenden Nationen. Nach der Rückkehr setzte die katholische Kirche alles daran, den “afrikanischen Aberglauben” aus dem Alltag der Haitianer zu vertreiben. Der Vodou hatte jedoch längst katholische Vorstellungen in sein eigenes religiöses System integriert. Rituale wurden mit katholischen Liturgien durch den père savanne, den so genannten Buschpriester, eingeleitet. Katholische Heilige wurden mit den loa verglichen und teilweise mit diesen verehrt. Dies geschah einerseits um den Vodou zu schützen, andererseits aber auch aus der Überzeugung der Wirkmacht der Heiligen heraus. Viele Haitianer sahen im Gegensatz zu den mehrheitlich französischen Missionaren keinen Widerspruch darin, nach einem nächtlichen Vodouritual am Sonntag Morgen in die Kirche zu gehen. Die Zweckentfremdung des „rechten“ Glaubens durch diese Mélange war für katholische Priester inakzeptabel. Der Katechismus dieser Zeit klassifizierte den houngan, den Vodoupriester, als größten Sklaven Satans. 1896 wurde vom Bischof von Cap-Haïtien, Monsignore Kersuzan, die Liga gegen den Vodou gegründet. Er setzte unter anderem einen Kommunionsausschluß für Vodouanhänger durch. Während der US-Besatzung Haitis, die zwischen 1915 und 1934 unter anderem als Reaktion auf den weitreichenden wirtschaftlichen Einfluß Deutschlands in Haiti implementiert wurde, unterstützten die stationierten US-Marinekorps die Verfolgung des Vodou. Die längste und gewaltsamste Offensive gegen den Vodou begann allerdings erst 1939 mit der campagne anti-superstitieuse, der Kampagne gegen den Aberglauben. Diese nutzte das 1935 erlassene Gesetz gegen abergläubische Praktiken, les pratiques superstitieuses, als Basis. Der Vodou wurde hier explizit kriminalisiert. 1941 bekam die Kirche in ihrem Kampf gegen den Vodou volle staatliche Unterstützung von Präsident Lescot. Vodoupriester fielen tätlichen Übergriffen zum Opfer. Tempel, sakrale Instrumente und andere Devotionalien wurden zerstört. Dieser versuchte Kulturgenozid hatte auch zur Folge, dass 1941 auf Initiative des Franzosen Alfred Metraux das Bureau d’Ethnologie auf Haiti gegründet wurde, um die vom Untergang bedrohte Religion wenigstens wissenschaftlich am Leben erhalten zu können.

Die Kampagnen der katholischen Kirche machten den Vodou in dieser Zeit zu einer Religion des Untergrunds. Allerdings wirkten sich Unterdrückung und Bedrohung auch begünstigend auf den Vodou aus. Im Untergrund erstarkte die religiöse Bewegung, bis sie 1956 durch den Diktator François Duvalier ins Zentrum der politischen Macht gehoben wurde. Duvalier missbrauchte und politisierte den Vodou in bis dahin ungekanntem Ausmaß. Zeit seiner Präsidentschaft auf Lebenszeit arbeitete er an der eigenen Vergöttlichung. Sein Vorbild war der Republikgründer Dessalines, und genau wie er wollte Duvalier sich eines Tages im Pantheon des Vodou verewigt sehen. In der Öffentlichkeit trat er als immanente Manifestation von Baron Samedi auf, einem loa aus der Familie der Gede, der Totengötter des Vodou. Die näselnde Rede Baron Samedis ergänzte Duvaliers Auftreten mit schwarzem Anzug, schwarzem Hut und schwarzer Sonnenbrille. Duvalier benutzte die Autorität des geheimen Vodouwissens um seinen Machtstatus zu untermauern. Seine private Armee, die Tonton Macoute, traten ebenso wie er als Totengeister in Erscheinung und machten dieser Reputation alle Ehre. Willkürlich wurden durch sie unzählige Menschen getötet und verschleppt. Seine angestrebte Apotheosis hat François Duvalier zuletzt erreicht: im Petroritus des Vodou findet man heute Loa22Os, der Duvalier symbolisiert. Dennoch bekannte sich Duvalier nie offiziell zum Vodou. Er zog es vor, Schrecken erregende Gerüchte über sich selbst in Umlauf zu bringen. Die geheime Politik war ein Pfeiler seiner Macht. Bei öffentlichen Anlässen präsentierte er sich verbal als Christ und hielt am Katholizismus als Staatsreligion fest. Dennoch kritisierte er die Anti-Vodoukampagnen der Kirche scharf. Er verstand es perfekt, die Brücke zwischen Staat, d.h. der urbanen Elite aus mehrheitlich Katholiken und der Nation, d.h. der armen ländlichen Bevölkerung, die Vodou praktizierte, zu schlagen. Auch sein Verhältnis zur USA balancierte er geschickt aus, indem er sich als Kämpfer gegen den internationalen Kommunismus positionierte. Die beinahe 30 Jahre währende Diktatur der Duvalierfamilie wurde billigend in Kauf genommen, da den USA eine auch noch so tyrannische Diktatur lieber war als ein zweiter Castro vor der Haustür.

Nachdem Duvaliers Sohn, Jean Claude Duvalier, 1986 aus dem Land gejagt wurde, führte man eine Verfassungsreform durch. Seit 1987 herrscht offiziell Religionsfreiheit in Haiti.

Mit Jean Bertrand Aristide wurde 1990 erstmals ein Staatsoberhaupt demokratisch gewählt. Er folgte der Befreiungstheologie, einer in Lateinamerika entstandenen Ausrichtung des Christentums. Diese wand sich gegen Unterdrückung und Entrechtung der indigenen Bevölkerung und trat für Selbstbehauptung und soziale Gerechtigkeit ein. Der damalige US-Präsident Reagan sah in der von Aristide vertretenen Theologie allerdings eher eine ritualisierte Form des Kommunismus denn eine christliche Religion. Aristide wurde mit großer Mehrheit gewählt und fand seine Unterstützer vor allem im breiten Volk, d.h. der mehrheitlich armen Bevölkerung. Er erkannte wie Duvalier vor ihm, dass man den Vodou nicht ignorieren und verdammen darf. So erklärte er Vodou zum haitianischen religiösen Erbe und essentiellen Teil nationaler Identität. 2003 wurde Vodou unter ihm explizit anerkannt. Vodou-Priestern wurde erstmals das Recht gewährt, Ehen zu schließen, Taufen durchzuführen und Begräbnisse zu leiten. Dies war für einen Großteil der haitianischen Elite, die dem Vodou kritisch gegenüber stand, und die katholische Kirche nicht akzeptabel. Der “Armenpriester” Aristide hatte zwar die Mehrheit der haitianischen Bevölkerung hinter sich, die oberen Schichten sahen durch ihn aber den Erhalt ihres Status quo bedroht. Der Präsident wurde zweimal während seiner Amtszeit durch Staatsstreiche entmachtet und ins Exil getrieben. Er findet noch heute viele Anhänger in der armen Bevölkerung Haitis

Vodou-Zeremonie, Haiti. Foto: Doron.Der heutige Diskurs über Vodou wird auch durch eine Vielzahl neuevangelikaler Gruppen geprägt. Ihr Einfluss auf das religiöse Gefüge Haitis nimmt wie in anderen Teilen der Welt stetig zu. Im Gegensatz zur katholischen Kirche, die trotz der Verfolgung des Vodou in der Praxis oft zu stillschweigenden Kompromissen bereit war, ist der “heilige Krieg” einiger Evangelikaler gegen die Ungläubigen des Vodou ungleich hartnäckiger. Für viele Evangelikale ist der Vodou eine Religion des Teufels, die unter keinen Umständen akzeptiert werden kann. Ihre Missionserfolge in der haitianischen Bevölkerung sind auch darauf zurückzuführen, dass die neuevanglikalen Sekten, besonders die charismatischen Prägung, religiöse Bedürfnisse bedienen, die dem Vodou nicht unähnlich sind. Die “religiöse Schwärmerei bis hin zur mystischen Trance”, wie Alfred Metraux es nannte, wirkt auf viele anziehender als die trockenen Gottesdienste der katholischen Kirche.

Der Vodou wird seit Jahrhunderten von verschiedensten Akteuren dazu benutzt, ihre eigenen Machtpositionen zu festigen. Seine Reaktion auf Bedrohungen von außen ist gekennzeichnet von äußerster Flexibilität. Wenn es zum Überleben nötig ist ziehen sich die Vodou-Priester tatsächlich in den Untergrund zurück. Ihre Beständigkeit hat viele Angriffe überdauert. Der Vodou selbst tritt auf einer Makroebene nach außen selten in Erscheinung. unter anderem weil er im Gegensatz zu verschiedenen kirchlichen Gruppen keinen Missionscharakter hat. Er zielt nicht darauf ab, andere von seinen Vorzügen zu überzeugen, sondern existiert als sinnstiftendes religiöses System für die Gemeinschaft seiner Anhänger. Es hat in den letzten Jahren Bestrebungen gegeben, nationale Vodouorganisationen in Haiti zu gründen. In der westlichen Wahrnehmung tritt hier vor allem Max Beauvoir als Sprecher des Vodou hervor. Dennoch hat er keinen von allen akzeptierten Vertretungsanspruch. Die religiöse Struktur des Vodou ist nicht mit der der christlichen Kirche zu vergleichen. Es gibt keinen Klerus und kein weltliches Oberhaupt. Vodou ist im eigentlichen Sinne eine Offenbarungsreligion. Jeder Einzelne hat, sofern er von den loa dazu bestimmt ist, die Möglichkeit mit Hilfe der Besessenheitstrance Kontakt mit dem Göttlichen aufzunehmen, gar selbst zur Inkarnation der Gottheit zu werden. Lokale Vodoupriester praktizieren diesen Zugang ohne einer heiligen Schrift zu folgen. Der Vodou kann eine Vielzahl von Formen annehmen. Das spiegelt sich in der unüberschaubaren Menge von loa wider, die die spirituelle Welt Haitis bewohnen,. In vielerlei Hinsicht ist der Vodou aufgrund seines direkten und offenen Zugangs zur göttlichen Sphäre und seiner oft undogmatischen lokalen Auslegung eine Religion, die modernen, basisdemokratischen Prinzipien entspricht.

Zestörte Slums in Port-au-Prince nach dem Erdbeben Anfang 2010. Foto: UNDPWenn sich Journalisten, Evangelikale und sogar Staatsdiener dieser Tage über den “Fluch des Vodou” äußern, dann legen sie nicht nur ihre religiöses Unverständnis offen, sondern sie verklären auch die globalen politischen und wirtschaftlichen Zusammenhänge, die Haiti dort hingebracht haben, wo es heute ist. Für die Anerkennung durch Frankreich beispielsweise musste der junge haitianische Staat einen hohen Preis bezahlen. In einer Situation, wo Haiti durch die weitgehende Isolation wirtschaftlich am Boden war und eine weitere militärische Invasion der Franzosen fürchtete, willigte man 1825 in die Zahlung von Reparationsleistungen ein, um beides abzuwenden. Frankreich, das Heimatland der Ideale von Liberté, Égalité und Fraternité, erzwang die Entschädigung für den Verlust der Sklaven auf Haiti. Die ehemaligen Sklaven mussten nachträglich einen Preis für ihre Unabhängigkeit bezahlen, den sie und ihre Vorfahren mehr als 200 Jahre lang mit ihrem Blut bezahlten. Diese historische Perversion kritisierte Aristide und verlangte 2003 die Rückzahlung der umgerechnet 21 Milliarden US Dollar von Frankreich. Die französische Regierung richtete eine Prüfungskommission ein, die zum Ergebnis kam, dass die Forderungen Haitis historisch nicht gerechtfertigt wären. Frankreich entschied für rechtmäßig, dass Sklavenhalter für den Verlust ihres „Besitzes“ entschädigt werden, nicht aber die Sklaven und deren Nachkommen für ihre Misshandlung und Ausbeutung. Sieben Jahre später und zwei Wochen nach dem verheerenden Erdbeben ist es der französische Präsident Nicolas Sarkozy, der in der Geberkonferenz der “Freunde von Haiti” die Chance sieht, Haiti durch internationale Katastrophenhilfe “ein für alle mal vom Fluch zu befreien, der seit langer Zeit an ihm zu haften scheint”. Die Misere Haitis wird hier als eine Art unglücklicher Naturzustand verschleiert.

Der Vodou wird im heutigen Diskurs zu einer fortschrittsresistenten Anti-Kultur gemacht, die nicht in das Gefüge einer modernen Welt passt. Seine Wahrnehmung folgt den klassischen Dichotomien von schwarz und weiß, arm und reich, unzivilisiert und zivilisiert und ist geprägt von evolutionistischem Denken. Der Vodou selbst denkt nicht in dichotomen Kategorien, sondern pflegt eher einen ambivalenten Zugang zu diesen Sphären. Es gibt weder das genuin Gute noch eine dem Teufel vergleichbare Vorstellung im Vodou. In jedem loa wohnt wie in jedem Menschen eine Vielzahl von Qualitäten. Er kann Gutes für die Menschen tun, aber auch für Schaden verantwortlich sein.

Vodou ist, wie jede andere Religion, ein komplexes System von Mythen und Ritualen, das das Leben seiner Anhänger mit den Göttern, die das Leben steuern, verbindet. Er ist sinnstiftende Alltagspraxis und beinhaltet ein elaboriertes System von Heilungspraktiken und künstlerischem Ausdruck. Vodouanhänger sprechen selbst nicht vom Glauben, sondern vom Dienst an den loa. Durch diesen wird die Alltagswelt mit der spirituellen Sphäre ins Gleichgewicht gebracht. Gerade jetzt, da die Erde gegen die Korruption der Eliten aufbegehrt hat, wie einige Vodoupriester das Erdbeben interpretieren, kann der Vodou den Menschen helfen, handelndes Subjekt zu bleiben, trotz widrigster Lebensumständen. Die Verteufelung und Diskriminierung ihrer Religion und deren Wurzeln von innen wie von außen hilft den Haitianern mit Sicherheit nicht.

Erschienen im Lateinamerikamagazin Quetzal